Nach dem Art Education-Masterstudium

Erinnerungen an die Zukunft

Zum Gespräch trafen sich am 31. März 2011:

SC Sibilla Caflisch, studierte im MAE bilden&vermitteln
(2008–2010)
GF Gilles Fontolliet, studierte im MAE publizieren&vermitteln
(2008–2010)
NS Natalie Stocker, studierte im MAE ausstellen&vermitteln
(2009–2011)
HL Heinrich Lüber leitet den MAE bilden&vermitteln
AS Angeli Sachs, leitet den MAE ausstellen&vermitteln
RW Ruedi Widmer, leitet den MAE publizieren&vermitteln

1. Vorher: Bilder des Berufs

GF Ich wollte besser schreiben lernen. In meinem vorherigen Studium der Lehrberufe landete ich immer wieder beim Text. Der MAE ist ja aus diesem Kontext der Lehrberufe hervorgegangen, und für mich war daher publizieren&vermitteln die logische Fortsetzung. Ausserdem hatte ich einen Bildungshunger. Mich interessierten Diskurse.

RW War das Berufsfeld „Publizieren“ für dich ein Eldorado oder eine zusammenbrechende Branche oder etwas von beidem?

GF Die Welt ist im Wandel. Der Studiengang auch. Ich auch, die Medien auch. Das hat mich nicht irritiert.

NS Ich wollte ins Museum. Mir wurde dazu geraten, das nicht auf dem akademischen Weg zu versuchen, sondern möglichst direkt, in einem museumsbezogenen Studiengang. Es gab die Idee der Ausstellungsgestaltung, die mich anzog, und diejenige des Kuratierens, da zog ich keine scharfen Grenzen.

SC Ich hatte ein Studium der Kunst hinter mir. Mein erstes Ziel war ganz praktisch: ein Diplom zu haben, um an einem Gymnasium unterrichten zu können. Die Sorge, wie ich meine Existenz als Künstlerin finanziere, spielte eine Rolle.

AS Gab es auch ein vitales Interesse am Unterrichten?

SC Ja, unbedingt.

HL Im Abwägen zwischen Kunst und Vermittlung steckt das Bild der Künstlerin, die nach Möglichkeit „nur Kunst“ macht. Wie stellst du dich dazu?

SC Die meisten Künstler machen mehr als nur Kunst. Nur Kunst zu machen ist insofern mehr Ideal als Realität – aber als Ideal doch etwas, was mich manchmal reizt.

GF Auch ich bin Künstler und Lehrer. Die Frage wurde immer wieder gestellt: Ist man dann der gescheiterte Kunstschaffende? Während des Studiums hatte ich keine Zeit für die Kunst. Mittlerweile mache ich wieder Vermittlung und Kunst, und ich erlebe es als sehr ergänzend.

HL Ich glaube, dass das Soziale eine Bedingung der Kunst ist. Der Künstler als Eigenbrötler ohne soziale Kompetenz ist in der Romantik zuhause und nicht in der Gegenwart 2011.

GF Ich kenne auch fast niemand, der ausschliesslich unterrichtet. Viele haben nebenan kunstfremde Tätigkeiten und Jobs, denen sie nachgehen. Dinge, die nichts mit Kunst und Schule zu tun haben. Wunderbar!

RW Natalie, war in Deiner Vorstellung des Berufs das Künstlerische wichtig?

NS Künstlerin wollte ich nicht sein, und so verstehe ich mich auch heute nicht. Hingegen spielte das Gestalterische bei mir eine wichtige Rolle. Das Studium war dann weniger gestalterisch, als ich es mir vorgestellt hatte.

HL Ich glaube, es gibt bei künstlerischen und gestalterischen Prozessen eine Zeitlichkeit, die man nicht komprimieren kann. Das Studium im MAE ist sehr kurz. Darin gewissermassen realzeitliche Erfahrungen zu machen und gleichzeitig wichtige Diskurse zu bewältigen, ist eine extrem hohe Anforderung.

GF Das Studium ist sehr dicht. Ich merke heute, wie ich immer wieder darauf zurückkomme. Ich schöpfe aus Gedanken, die ich damals hatte. In dieser Hinsicht fühle ich mich viel besser genährt, als ich nach dem Abschluss dachte. Wenn ich etwas sage, denke ich manchmal: Oups, das kommt aus dem Studium.

2. Zwischen Vorher und Nachher: Die Masterthesis

NS Ich schrieb meine Masterthesis über die Sammlung Eduard von der Heydt im Museum Rietberg. Wichtige Blickwinkel waren Postcolonial Studies, Museumstheorie und Ausstellungstheorie. Aus alledem leitete ich ein Ausstellungskonzept ab, und da kam dann natürlich die Gestaltung mit ins Spiel. Mein Versuch war, über gestalterische Mittel die bestehende Ausstellung aufzubrechen. Dafür hatte ich allerdings dann relativ wenig Zeit.

SC Meine Masterthesis war eine Auseinandersetzung mit frühen Video-Arbeiten von Bruce Naumann. Ich machte Reenactments einiger ausgewählter Arbeiten. Das Studieren und Nachspielen dieser Arbeiten war sehr zeitaufwendig. Vieles wurde mir erst beim Machen klar. In einem ersten Schritt machte ich Videos, der zweite Schritt war eine Auswertung, u.a. anhand von Filmstills.

GF Für meine Masterthesis stellte ich zwei Kompetenzen ins Zentrum: Diskurskompetenz und Journalistenkompetenz. Ich fragte mich: Kann ich kompetent vermitteln ohne die Präsenz des Publikums im gleichen Raum? Ich begann bei der Zeitung und der Frage: Wie wird über Kunst geschrieben? Mein praktisches Ziel war dann der erklärende Kommentar. Thema der fünf Kommentartexte, die daraus resultierten, war nicht mehr die Kunst, sondern die Kunstvermittlung.

HL Gilles’ Masterthesis schliesst gewissermassen einen Kreis: Mit den Mitteln des Journalisten untersucht er sein angestammtes Berufsfeld, die Kunstvermittlung. Sibilla, wie ist das bei dir – gibt es Bezüge zwischen deiner Masterthesis und der Schule?

SC Ein direkter Nutzen für das Berufsfeld war nicht mein Ziel. Mein Prozess ging von meiner Faszination aus und war sehr offen gestaltet. So offen, dass ich manchmal selbst darüber erschrak.

HL Das entspricht ja auch der Idee, die wir als Dozenten haben. Du wirfst eine Taschenlampe in eine dunkles Feld und gehst zuerst einfach hin, um zu untersuchen, wo du bist. Du hast deine Lehrprobe und Lehrbefähigung, und erst dann machst du deine Masterthesis. Hier stellt sich die Frage: Wie entwickelst du das Berufsfeld weiter? Das mag ein Unterschied sein zur Rolle der Masterthesis etwa im MAE ausstellen&vermitteln, wo es vielleicht eher um eine Arbeit geht, die in einem direkteren Sinne die Berufsfähigkeit nachweist.

NS Im MAE ausstellen&vermitteln ist die Mastertheis auf jeden Fall Teil des Portfolios. Man zeigt, was man gelernt hat und was man kann. Dass man sich mit Inhalten auseinandersetzen kann und sie umsetzen kann in Ausstellungen.

AS Deine Masterthesis ist in diesem Sinn exemplarisch. Es gab eine solide inhaltliche Grundlage, Material, mit dem du arbeiten konntest. Und daraus dann ein eigenes Konzept entwickeln, das betrachten wir als ideal. Wobei dein Konzept in einer bestehenden Ausstellung interventierte und insofern Konventionen im Berufsfeld mit thematisierte.

RW Heinrich, du sagtest, die Mastertheis in bilden&vermitteln sei dazu da, das Berufsfeld weiterzuentwickeln. War das bei Sibilla der Fall?

HL Es gibt zwei Arten, wie das möglich ist: Man kann aus Erfahrungen lernen und Optimierungsvorschläge machen oder aus einer ganz eigenen kritischen Position heraus auf die Insitution der Schule zugehen, um sie so gewissermassen aufzubrechen. Sibilla hat zwar mit der Masterthesis nicht direkt auf die Schule Bezug genommen. Diese Frage, wie sie sich zur Schule auf dem Hintergrund der Masterthesis stellt, war aber Teil der Prüfung.

RW Ist es nicht schade, dass diese Frage in einer Diplomausstellung nicht sichtbar wird?

HL Das Problem wäre, dass ich meine Masterthesis dann immer schon im Hinblick auf ein Fazit schreiben würde. Sehr oft wird ja Reflexion deklariert, bevor man sich überhaupt bewegt und nachgedacht hat.

GF Ich möchte noch einmal zurückkommen auf die Frage der Verwendbarkeit. Im MA publizieren&vermitteln gibt es die Option, die Masterthesis als eine Art Eintrittsbillet oder Trampolin ins Berufsleben anzugehen. Mir war es viel wichtiger, in einem Bereich, der mich wirklich interessierte, noch einmal in einem Schreibprozess tiefer zu denken.

SC Bei mir stand das auch klar im Zentrum: mich als Vermittlungsperson und Künstlerin intensiv weiterzuentwickeln. Und nicht eine Masterthesis zu haben, die wie ein Bewerbungsschreiben funktioniert.

GF Ich denke, sie nehmen einen nicht aufgrund eines Produktes, sondern wegen dem Netzwerk und den Fähigkeiten und Fertigkeiten, die man an den Tag legt.

AS Allerdings sieht man ja diese Fähigkeiten und Fertigkeiten auch in einer Masterthesis. Als Arbeitgeberin interessiert mich dieser Aspekt sehr wohl.

GF Ich glaube, wenn ich die Thesis noch einmal schreiben könnte, wäre ich in dieser Hinsicht noch freier. Ich würde noch mehr wagen. Diesen Freiraum hast du sonst nie mehr. Wenn ich sehe, wie ich jetzt als Journalist arbeite: Diese Zeit zum Recherchieren und zum Verdichten eines Textes gibt ansonsten kaum.

3. Nachher: Ankommen im Berufsfeld

GF Ich schreibe für „Werkspuren“ Hintergrundberichte und Kolumnen. Zur Zeit ist noch offen, ob ich Teil der Redaktion sein werde. Im Sinne einer eigenen künstlerischen Tätigkeit mache ich weiterhin Kunstbücher, und schöpfe dort auch aus dem Studium. Neu werde ich an einer Kunstschule arbeiten und u.a. für PR verantwortlich sein. Auch hier schöpfe ich viel aus dem Studium, und überhaupt kommt dort sehr vieles aus meiner Vorbildung und Berufserfahrung zusammen.

NS Ich begann direkt nach dem Studium ein achtmonatiges Praktikum in Ausstellungskonzeption bei Holzer Kobler Architekten. Ich mache viel Recherchen und bin zuständig dafür, für die Gestaltung ein inhaltliches und konzeptionelles Fundament zu erarbeiten. Eigentlich hatte ich mich für den Bereich Gestaltung beworben. Ich wurde dann aber als jemand genommen, der an Konzepten arbeitet.

AS Bedauerst du jetzt, dass du nicht auf der Gestalterseite stehst?

NS Nein. Mir gefällt es, an der Schnittstelle zu arbeiten und zu sehen, wie sich Inhalt und Gestaltung wechselseitig beeinflussen.

RW Willst du immer noch ins Museum?

NS Es ist immer noch mein Ziel, irgendwann einmal Kuratorin im Museum zu sein. Aber ich sehe inzwischen auch mehrere Ziele und Wege. Was ich im Moment tue – Besucherzentren und Expo-Pavillons zu konzipieren – finde ich sehr interessant. Mir ist klar geworden: Es gibt im Ausstellungsbereich sehr verschiedene Teilberufe. Wenn ich den MA ausstellen&vermitteln studiert habe, bin ich eben keine Szenografin.

RW Sondern?

NS Wenn ich gefragt werde, dann sage ich, ich bin Ausstellungsgestalterin und Kuratorin.

HL Wir sind doch als Berufsleute zunehmend Cocktails mit höchst verschiedenen Kompetenzen und Erfahrungen. Trotzdem finde ich es wichtig, eine Basis zu erarbeiten, aus der man agieren kann.

NS Ich werde schon sehr oft gefragt, was meine Berufsbezeichnung ist. Da sehe ich mich ein Stück weit gezwungen, mich einzuordnen.

RW Sibilla, welche Berufserfahrung hast du seit dem MA-Abschluss gesammelt?

SC Ich habe in einem zehnten Schuljahr unterrichtet. Ich machte und mache aber auch Kunstvermittlung, u.a. im Schaulager und in der Fondation Beyeler. Das Feld hat sich also gewissermassen ein bisschen von der Schule weg verschoben.

HL Wie seht ihr im Rückblick die Verschiedenheit und das Gemeinsame der drei Vertiefungen?

GF Ich sehe schon sehr viel gemeinsame Fragen und Themen, vor allem auf der Ebene der Diskurse und Theorien.

SC Gerade deshalb sollten wir ja zwischen den Vertiefungen offen sein. Ich habe uns nicht als ausgesprochen austauschend erlebt. Das finde ich schade.

HL Das bringt uns zurück zum Thema Zeit. Drei oder vier Semester sind um, bevor du zweimal eingeatment hast. Für eine vertiefte Auseinandersetzung bleibt sehr wenig Zeit.

AS Tatsächlich träumen wir immer wieder mal vom vierten Semester.

RW Jenseits von der Frage, ob solche Träume wahr werden können, gibt es heute schon die Möglichkeit, dass Studierende vertiefungsübergreifende Projekte auf die Beine stellen. Im Bild von Heinrich müsste das ca. zwischen dem ersten und dem zweiten Einatmen passieren.

4. Art Education: Gibt es das überhaupt?

HL Und wenn es das Berufsfeld „Art Education“ so gar nicht gäbe? So wie es vielleicht gar keine Biologie gibt, sondern nur ein Gewusel von immer neuen Akteuren und Tätigkeiten, das man gewohnt ist, als „Biologie“ zu übertiteln?

GF Das Problem beginnt schon bei den Labels wie Art Education oder publizieren&vermitteln. Ich merkte es bei den Bewerbungen, die ich abschickte: Die Leute wissen nicht, was das ist. Das zwingt mich, selber zu definieren. Ich habe dann Verben genommen: Vermitteln, Gestalten, Konzipieren…

NS Bei mir war es analog. „Art Education“ funktioniert nicht. Ich hab es dann auch über die Tätigkeit versucht, um die es geht: z.B. Inhalte vermitteln im Medium Ausstellung, Ausstellungen konzipieren usw.

GF Als Lehrer habe ich Schwierigkeiten, wenn es um die Frage der Disziplin geht. Ich sage: Ich unterrichte Kunst und Design. Doch die Jugendlichen kommen zu mir ins „Werken“, und wenn ich dann mit ihnen kein Vogelhaus baue, dann gibt es Differenzen.

RW Sibilla, geht es dir mit deinem Publikum in der Kunstvermittlung auch so? Dass die Leute mit dir das machen wollen, was ihrem Begriff von Kunstvermittlung entspricht?

SC Oft wollen sie bedient werden. Wenn ich sie einbeziehen will, gibt es diejenigen, die mit Freuden mitmachen und diejenigen, die zurückschrecken. Das Museum ist auch ein sehr träges System. Das ist durch die Institution bestimmt, aber auch durch die Leute, die von aussen kommen.

GF Ich sehe eine Ursache bei der Kunst selber. Sie wirkt oft irritierend. Die Leute möchten Vermittlung erleben, die sie von den Fragen auf Antworten bringt. Sie möchten nicht nach der Lektüre eines Textes noch verwirrter sein.

SC Viele möchten auch, dass man ihnen vorsagt, was sie denken sollen.

RW Zusammenfassend könnte man sagen: Der Vermittler macht sich das Leben nicht einfacher, wenn er ein Publikum voraussetzt, das sich aktiv mit Fragen auseinandersetzen will. Erlebst du das in der Ausstellungsgestaltung auch so, Natalie?

NS Grundsätzlich sind die Projekte, an denen ich beteiligt bin, erlebnisorientiert. Es geht tatsächlich nicht um ein Publikum, das sich vor allem durch kritischen Geist auszeichnet.

AS Erlebnisorientierung ist zur Zeit so etwas wie das Mantra der Branche. Es ist denkbar und vor allem wünschbar, dass wir die Leute wieder mehr herausfordern, nicht Antworten liefern, sondern Fragen stellen und Räume öffnen.

GF Wie Sibilla sagte, ist es das Publikum, das stark bestimmt, was möglich ist. Das Lesen eines fünfseitigen Textes kommt im Unterricht kaum mehr in Frage. Ich fühle mich da oft als Entertainer, nicht als Lehrer. Ich erlebe das als Widerspruch zum Masterstudium: Da ist Raum ist für offenes Formulieren, für das Nachdenken, für das Wieder- und Wiederlesen von Texten. Es sind Welten.